Presse Musikbeispiele

Schubertiade



"auf verschneiten Wegen..." eine Winterreise (nach Franz Schubert)

 

Die Entstehungsgeschichte zu diesem Projekt könnte wie folgt aussehen:

4 Musiker finden sich in ihrem Probenraum zusammen, um über gemeinsame neue Projekte zu diskutieren. Da betritt, ohne anzuklopfen, ein älterer, altmodisch gekleideter Herr den Raum. Er entschuldigt sich förmlich wegen der Störung, aber er habe den Auftrag bei den Herren etwas abzugeben. Den verdutzten Musikern händigt er eine dicke, vergilbte Notenmappe aus. Sie finden darin Notenblätter aus Franz Schuberts Liederzyklus „Die Winterreise“, instrumentiert für ein Ensemble mit einer just für die anwesenden Musiker passenden Besetzung. Dazwischen einige Zettel mit, in alter Handschrift gefertigten, Notizen:

„Die hier aufbewahrten Arrangements mögen Euch dazu inspirieren, mit Eurem Instrumentarium eine Eurer Zeit entsprechende Form dieser Lieder zu gestalten. Haltet Euch nicht zurück, das vorgefundene Material mit Euren Mitteln der Improvisation zu ergänzen“

„Versucht allzu große Künstlichkeit zu vermeiden, spielt musikantisch, tänzerisch. Der Gesang darf schlicht und natürlich bleiben.“

„Die Texte handeln von einer, in Eurer Zeit wohl auch noch vorhandenen, nicht nur männlichen, sondern allgemein menschlichen Seelennot. Versucht ruhig in Euren Improvisationen davon zu erzählen....“

„Es würde mich sehr freuen, wenn ihr Euch zu gegebener Zeit zu einer Schubertiade mit dieser Musik zusammenfinden würdet. Hochachtungsvoll, F.S.“

Während die Musiker erstaunt das vorgefundene Material durchblättern, verlässt der ältere Herr unbemerkt wieder den Raum. Fragen sind also nicht mehr möglich...

 

Man kann die Frage nach dem Zustandekommen auch mit einer nüchternernen Beschreibung beantworten: Als Musiker, der in zeitgenössischer und verschiedenen Formen improvisierter Musik zuhause ist und der ein Instrumentarium bedient, das in der klassischen Musik allenfalls peripher im Orchester erscheint, stellte sich mir irgendwann die Frage: Wie kann ich mich mit meinen Mitteln intensiv, eigencreativ mit diesem gewaltigen Erbe unserer Musiktradition auseinandersetzen?

Es begann die Suche nach einem Sujet, daß für eine eigenwillige Interpretation geeignet erschien. Die Idee sich mit Schuberts „Winterreise“ zu beschäftigen kam in Gesprächen mit Kollegen. Auch die Version für Orchester des zeitgenössischen Komponisten Hans Zenders gab eine Anregung. Schuberts Lieder reizen durch ihre genial schlichte Form zur Neudeutung. In einer ersten Annäherung war schnell klar, daß hier das richtige gefunden worden war. Die Lieder eigneten sich zur Umsetzung auf das mir vertraute Instrumentarium, ohne Schuberts Originale verändern zu müssen. Außerdem ließen sie eine behutsame Ergänzung durch Improvisationen zu. Man konnte also eng bei Schubert bleiben und dennoch eigene Wege gehen. Darüber hinaus bedienen sich die Liedertexte Wilhelm Müllers expressiver Bilder und Stimmungen z.T. immer noch zeitgemäßer Aktualität. Dafür ergänzende improvisatorische Klangbilder zu finden, war ein weiterer Reiz.

 

Also begann die musikalische, winterliche Reise auf Franz Schuberts Spuren...

 

Michael Kiedaisch    

 

 

 

 

Foto: C. Nauli

Konzertkritik Chur, Februar 05

Eine höchst innovative „Winterreise“

 

Schuberts „Winterreise“ einmal anders - ein Sänger und vier Musiker zelebrierten am Freitag im Bündner Kunstmuseum in Chur die morbide Welt von Franz Schuberts „Winterreise“ mit zeitgenössischen Mitteln. Es gab schon vor dem Konzert ein untrügliches Zeichen, dass ein qualitativ aussergewöhnlich hochstehender Anlass bevorstand. Selten war nämlich die Dichte von professionellen Musikerinnen und Musikern im Publikum so hoch wie an diesem Abend. Auf ihre Rechnung kamen dann aber nicht nur die Profis, sondern auch die aufgeschlossenen Laien; dem ungekünstelt kommunikativen Gestus der Darbietung könnte sich wohl niemand entziehen. Selten war auch die Kongruenz von Musik und Ambiente so stimmig wie hier, wo gibt es sonst eine „Winterreise“ vor einem Hintergrund aus expressiven Winterbildern verschiedener Epochen? Die verbindende Klammer war dabei das Ausstellungskonzept „Weisse Wunderware Schnee“.

Gespielt wurde eine „Winterreise“ - Bearbeitung des Schlagzeugers Michael Kiedaisch; es spielten Franco Mettler (Klarinetten und Saxofon), Christian Brühwiler (Posaunen), Andrea Thöni (Kontrabass) und Michael Kiedaisch (Marimba, Vibrafon) selber. Der Perkussionist aus Freiburg ist zwar nicht der erste Zeitgenosse, der sich von der „Winterreise“ hat inspirieren lassen; das hat vor ihm schon Hans Zender getan. Kiedaischs Fassung hat aber ein bezwingendes Konzept, das sich zwischen Arrangement, charakteristischer Verfremdung und freier Improvisation bewegt.

Besonders spannend sind die Übergänge. Bei „Im Dorfe“ und besonders in „Auf dem Flusse“ driftet die Musik fast unmerklich aus der Schubertschen Klangwelt in neue Idiome ab. Wurde man dann als Hörer des Stilwandels gewahr, fragte man sich verblüfft, wo denn die Nahtstelle zwischen dem vermeintlich Unvereinbaren gewesen war. Mit einem Mal wurde einem bewusst, wie bestürzend nahe sich ein Komponist wie Schubert und Neue Musik manchmal kommen können.

Woraus wiederum zweierlei Erkenntnis folgt. Zunächst jene, welch avantgardistisches Potential oftmals in Schuberts Musik steckt, etwa im bereits zitierten „Auf dem Flusse“. Dann aber auch die Einsicht, wie oft sich Neue Musik nur graduell, aber nicht prinzipiell von Klassischer unterscheidet, was ein Grund mehr wäre, vor Avantgarde keine Angst zu haben.

Nur Puritaner würden kritisieren, dass Schuberts Musik an diesem Abend zahlreiche Metamorphosen erfahren hat. Auf dem Gebiet des Musiktheaters stellt schliesslich kaum noch jemand die Frage, ob man historische Werke in einen aktualisierten Kontext stellen darf, auch wenn dort die Musik meist von der Diskussion ausgenommen ist.

Der Vokalpart wurde vom Bariton Samuel Zünd mit vorzüglicher Technik und einer grossen Bandbreite an Ausdruck gesungen. Sein Part hielt sich meist dicht am Original, doch gab es auch hier bisweilen Umformungen, etwa dann, wenn ein Lied in der Art eines Melodrams nur gesprochen statt gesungen wurde. Der Abend liess also nichts zu wünschen übrig. Die innovative Musik wurde mit einem übervollen Saal und einem begeisterten Publikum belohnt.

 

Stephan Thomas

Chur Kultur, 14.Februar 2005

Konzertkritik

 

Wundersame Winterreise Im Rahmen der Ausstellung „Weisse Wunderware Schnee“ erklangen am Freitagabend Teile aus Franz Schuberts „Winterreise“. Weiss strahlen die neonbeleuchteten Wände in diesem Raum des Churer Kunstmuseums. Alle Sitzreihen sind besetzt. Links und rechts hängen an den Wänden unter anderem zwei in dunkelschwere Rahmen gefasste Gemälde. „Funerale biancho“ titelte Edoardo Berta das Seine, das andere von Edmond Bille trägt den Titel „La mort et le bûcheron“. Optisch nehmen die Bilder im Wesentlichen vorweg, was an diesem Abend akustisch vorgetragen wird. Das Programmheft weist auf dem Titelblatt mit einem Zitat von Schubert ebenfalls darauf hin:“Ich werde euch einen Zyklus schauerlicher Lieder vorsingen“. Tatsächlich endet die Wanderschaft durch Eis und Schnee, fort von allen menschlichen Behausungen in der Todesgestalt des Leiermanns.

Von Kopf bis Fuss schwarz gewandet treten die Musiker auf. Es sind deren fünf, aufgestellt sind Vibraphon, Marimbaphon sowie Steeldrum und im Verlauf des Abends werden Saxophon, Klarinette, Posaune, Kontrabass und Akkordeon zu hören sein. Im Zentrum steht der Baritonsänger. Bevor er langsamen Schrittes auftritt, wird der Zuhörer in sphärisch entrückte Klänge eingehüllt. Erst allmählich schält sich aus dem Klangteppich Schuberts Originalsatz heraus:“Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“, singt der Bariton Samuel Zünd. Gesang, Mimik und körperlicher Gestus nehmen sofort gefangen. Bereits nach dem ersten der 15 Lieder breitet sich im Raum gespannte Ruhe aus. Betroffenheit und Neugier auf das Kommende sind geradezu greifbar.

Michael Kiedaisch, der die Percussionsinstrumente bespielt, zeichnet auch für die Bearbeitung der Schubertschen Lieder verantwortlich. Eine äusserst feinfühlige, dem inhaltlichen Gegenstand stets adäquate und den Zuhörer gefangen nehmende Bearbeitung. Dabei schreckt Kiedaisch nicht vor moderner Instrumentaltechnik zurück, lotete auf den verschiedenen Instrumenten nuancenreiche Klangcharaktere aus und bringt den Sänger auch mal zum Sprechen, zum Flüstern.

Franco Mettler, Christian Brühwiler und Andrea Thöni steht die Anspannung an diesem Abend ins Gesicht geschrieben. Es entsteht ein Konzert, dessen atmosphärische Dichte gefangen nimmt. Kulminationspunkt ist dabei die Todesgestalt des Leiermanns, der „mit starren Fingern dreht, was er kann“. Nur dies eine Mal erklingt in Kiedaischs Bearbeitung das Akkordeon - mit umso eindrücklicherer Wirkung. Monoton wie die Drehbewegung wird hier auch Samuel Zünds Bariton: „Wunderlicher Alter! Soll ich mit dir gehn? Willst zu meinen Liedern deine Leier drehn?“ Das Element der Todessehnsucht schafft sich in diesem Schlusslied in erschütternder Weise Raum. Auf dem Bild von Edmond Bille zieht ein Mann einen schwer beladenen Schlitten durch den Schnee. Der Sensenmann schreitet hinter ihm her. An dieser Stelle haben sich an diesem Abend die akustischen und optischen Kreise berührt. Die kompetenten Interpreten wie auch die bemerkenswerte Bearbeitung erhielten verdientermassen viel Applaus und Bravorufe.

 

Christian Albrecht

Romanshorn 12.2.05

 

Schubert neu entdeckt GLM-Konzert: Die «Winterreise» in ungewohnter Quintett-Besetzung

In Schuberts «Winterreise» sind noch viele Entdeckungen zu machen. Gewürzt mit Improvisationen liess sich ein grosses Publikum von einem gelungenen Neuzugang zum Liederzyklus begeistern.

 

MARTIN PREISSER

 

Der Purist würde zuerst einmal die Nase rümpfen, wenn «sein» Schubert statt Klavierbegleitung plötzlich mit Saxophon, Klarinette, Posaune, Vibraphon, Marimbaphon und Steeldrums ertönt. Der deutsche Komponist und Vibraphonist Michael Kiedaisch hat fünfzehn der vierundzwanzig «schauerlichen Lieder» (Schubert) aus der «Winterreise» für dieses Instrumentarium bearbeitet. Der Purist hätte sich sofort eines Besseren belehren lassen.

Eindringlich und intensiv

Diese Bearbeitung ist Gewinn bringend. Noch tiefer, noch düsterer wirkt der Zyklus; was man als selbstverständlich im Ohr hat, wird eindringlicher und intensiver. Der Klavierpart dieser Wilhelm- Müller-Gedichte erhält durch die Bläser (Franco Mettler, Klarinetten und Saxophon, und Christian Brühwiler, Posaune) mehr Kantabilität, spannende Kontrapunkte zur Gesangsmelodie tun sich auch auf. Und einfache Begleitfiguren erhalten plötzliche neue rhythmische und emotionale Spannung, bauen ein Eigenleben auf. Diese Bearbeitung von Michael Kiedaisch bleibt durchaus mit Ehrfurcht nahe am Original, lässt das «Schlichte» des Ablaufs stehen, zeigt aber durch die feinsinnige Verteilung auf die Instrumente auch das Sperrige, das stark in die Zukunft Weisende von Schuberts Musik auf. Viele Dialoge und Querverstrebungen zum Sänger entstehen, bewusst haben die fünf Musiker, die diese Bearbeitung das erste Mal live vorstellten, das auch sensibel ausgelebt und ausgekostet.

Ruhe und Spannung

Samuel Zünd (Bariton) erwies sich als intensiv gestaltender Sänger, ihm gelang der grosse Bogen über diesen Zyklusausschnitt, und er sang klar, quasi ruhig schreitend ohne übertriebene Agogik... In seiner Interpretation unterstrich er zusammen mit dem Instrumentalquartett (neben den Bläsern waren das Andrea Thöni am Kontrabass und Michael Kiedaisch an Vibraphon, Marimbaphon, Steeldrums und Akkordeon), dass diese Musik nach wie vor nicht harmlos ist. Eine Winterreise voll Ruhe, aber immer mit Spannung, ein Zyklus mit sehr viel Transparenz, mit sehr viel neuer Beleuchtung auf das Eigenleben der «Begleitung» war der Abend in der Alten Kirche. Die fünf beliessen es nicht bei blossem Schubert. Subtil und gut platziert schafften Improvisationen Brücken zwischen den Liedern, untermalten oder bereiteten neue Stimmungen vor. In zwei Liedern gar liess sich das Ensemble zu einem gelungenen Ausund Wiedereinsteigen innerhalb die Partitur durch Verfremdungen oder gesprochenen Gesang hinreissen, immer mit dem erfolgreichen Ziel einer Intensivierung der Schubert'schen Grundstimmung. Man wünscht dieser Schubert-Sicht Verbreitung.

Schubertiade

Von Schuberts «Winterreise» gibt es schon eine Version für Orchester von Hans Zender. Den Freiburger Komponist Michael Kiedaisch hat die Idee gereizt, mit einem im klassischen Betrieb weniger vertretenen Instrumentarium und mit Musikern, die auch in der improvisierten und zeitgenössischen Musik zuhause sind, sich mit der «Winterreise», eines gewichtigen Stücks Musiktradition, neu, neugierig und innovativ auseinander zu setzen. «Eng bei Schubert bleiben und dennoch mit behutsam ergänzenden Improvisationen eigene Wege gehen», so fasst Michael Kiedaisch die Grundabsicht seiner Bearbeitung zusammen. Zu hören auch auf der bei peregrina music PM 50342 erschienenen CD «Schubertiade» . Reizvoll ist dort zudem der Einsatz einer Sopranistin für diesen «männlichen» Zyklus. Als «bemerkenswerte Grenzüberschreitung» wertet die Neue Musik Zeitung die Aufnahme. (map)

 

 

Musikbeispiele

Alle Titel (Ausschnitte) von der CD "Schubertiade", Peregrina Music

Grace Davidson, Jan Holbein - Stimmen
Michael Kiedaisch - Marimba, Vibraphon, Steeldrum, Percussion, Bearbeitung
Mike Svoboda - Posaune, Bassflügelhorn, Gartenschlauch
Eberhard Hahn - Saxophone, Flöten, Bassklarinette, Klarinette
Wolfgang Fernow - Kontrabass